ZiPT - Zukunftsinitiative Physiotherapie

 

Zur Geschichte der Zukunftskonferenz

Die Idee zu einer Zukunftskonferenz in der Physiotherapie hatten Rosi Haarer-Becker, Physiotherapeutin und Programmplanerin beim Thieme Verlag in Stuttgart und Uwe Harste, selbständiger Physiotherapeut und Leiter eines Seminarzentrums in Hamburg.

Eine Zukunftskonferenz ist eine Konferenzmethode aus den USA, die es großen Gruppen ermöglicht, ihre Zukunft bewusst zu gestalten. Die Methode beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, sich an diesem Prozess zu beteiligen, und wird mit Hilfe professioneller Unterstützung geplant und durchgeführt.

Auf einer ersten Arbeitstagung in Stuttgart trafen sich bereits im September 2002 Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher physiotherapeutischer Arbeitsfelder. Unter der Leitung von Frau Dr. Handrock (Kommunikationstrainerin) wurden Vorstellungen entwickelt, welche auf der Zukunftskonferenz vom 28.02.2003 - 02.03.2003 in Hamburg konkretisiert wurden. 55 engagierte PhysiotherapeutInnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden folgten der Aufforderung zur Teilnahme an dieser ersten Zukunftskonferenz. Sie hatten sich der Idee verschrieben, gemeinsam etwas zu tun und die Zukunft der Physiotherapie in die Hände zu nehmen. Was bewegte diese Gruppe Kollegen und Kolleginnen nun dazu, konzentriert drei Tage lang in Hamburg zu arbeiten? Einige Gründe dafür sind hier skizziert.



Unser Beruf befindet sich im Wandel

Der Beruf der Physiotherapie (ehemals Heil- bzw. Krankengymnastik) hat in Deutschland eine 100jährige Tradition. Wir Physiotherapeutinnen und -therapeuten stehen heute allerdings vor den wohl einschneidensten Veränderungen in der Geschichte unseres Berufes.

Gründe dafür sind z.B. die Finanzierungsprobleme im Gesundheitswesen und der demografische Wandel in der Bevölkerung: Die gesundheitspolitischen Maßnahmen der letzten 25 Jahre reagieren auf die sich tendenziell noch verschärfende problematische wirtschaftliche Lage des deutschen Gesundheitswesens seit den 70er Jahren. Medizinische Leistungen auf dem neuesten Stand scheinen in Relation zur Einnahmensituation der gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr für alle Menschen bezahlbar zu sein. Dieses führt zur Konkurrenz der Leistungserbringer auf dem Gesundheitsmarkt. Wir Physiotherapeutinnen und -therapeuten geraten zunehmend unter den Druck der Kostenträger und Mitanbieter von Gesundheitsleistungen, beispielsweise die Wirksamkeit unserer Interventionen kenntlich zu machen.



Die Physiotherapie steht vor Anpassungsanforderungen

Die angewandte Physiotherapie ist in Ausbildung und üblicher Praxis auf das Individuum zentriert. Der Nachweis von Wirksamkeit physiotherapeutischer Maßnahmen an größeren Bevölkerungsgruppen zählt bisher nicht zu unserem beruflichen Selbstverständnis, da wissenschaftliches Arbeiten beispielsweise nicht zum Spektrum erworbener Kompetenzen an Berufsfachschulen für Physiotherapie gehört. An diesem Punkt kündigt sich allerdings eine Veränderung an. Seit 2002 gibt es die ersten akademisch ausgebildeten Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Absolventinnen und Absolventen der Studiengänge Physiotherapie an deutschen Fachhochschulen. Diese Tatsache wirft für unseren Beruf neue Fragen auf. Wie gestaltet sich in Zukunft das Verhältnis der Absolventinnen und Absolventen konventioneller Physiotherapieausbildung zu den akademischen Ausgebildeten? Wie können Kompetenzen der an Fachhochschulen ausgebildeten PhysiotherapeutInnen für die weitere Entwicklung der Physiotherapie nutzbar gemacht werden oder anders ausgedrückt, welche produktive Wechselwirkung von Theorie und Praxis ist für die zukünftige physiotherapeutische Praxis möglich?

 

Wohin entwickelt sich die Physiotherapie?

Weitere Gründe für den Wandel, in dem sich unser Beruf gerade befindet, sind eine notwendige Bedarfsorientierung und Qualitätssicherung in der Physiotherapie. Das Krankheitsspektrum der verstärkt immer älter werdenden Bevölkerung zeigt die Veränderung von akuten zu mehr chronisch degenerativen Erkrankungen unserer Patientinnen und Patienten (Klientinnen und Klienten). Bisher wurden wir jedoch vorwiegend zu kurativ arbeitenden Behandlerinnen und Behandlern ausgebildet. Eine sinnvoll auch präventiv bzw. rehabilitativ orientierte Physiotherapie braucht andere Denk- und Handlungsmodelle, z.B. von der vorwiegend am biomedizinischen Krankheitsmodell ausgerichteten funktionellen Handlungsorientierung der Physiotherapie hin zu Orientierungen unserer professionellen Arbeit an bio-psycho-sozialen Gesundheits- und Krankheitsmodellen sowie systemisch-interdisziplinären Arbeitsweisen der Physiotherapie. Was hat das mit Bedarfsgerechtigkeit und Qualität zu tun? Werden wir den Bedarfen, d.h. dem veränderten Krankheitsspektrum, z.B. zunehmend auch Bewegungsbeeinträchtigungen älterer Menschen, mit unserer Gesundheitsvorstellung (Gesundheit als Abwesenheit von Krankheitssymptomen) und unseren Angeboten unter wirtschaftlichen, aber vor allem auch unter Qualitätsgesichtspunkten noch gerecht? Die Medizin und somit auch wir als Tätige in einem medizinischen Heil- und Hilfsberuf stehen bezüglich der Handlungsorientierungen (stark an akuten vs. chronisch-degenerativen Erkrankungen ausgerichtet) vor wichtigen Überprüfungen des beruflichen Selbstverständnisses.

Neben einer eindeutigen Position fehlt es der Physiotherapie an Transparenz und wirksamer Öffentlichkeitsarbeit. Zu welchem „Mehr“ an Gesundheit bzw. Steigerung der Lebensqualität des einzelnen Menschen und der Verbesserung der gesundheitlichen Lage von Bevölkerungsgruppen tragen wir als Physiotherapeutinnen und -therapeuten eigentlich bei? Wie transparent und verständlich sind den Ärztinnen und Ärzten aber auch den Kostenträgern unsere physiotherapeutischen Möglichkeiten, die gesundheitliche Situation unserer Klienten/ Klientinnen bzw. Patientinnen/Patienten nachhaltig und positiv zu beeinflussen?



Was ist der „gemeinsame Nenner“ in der Physiotherapie?

Wie definieren sich die Angehörigen unseres Berufes zurzeit? Für wen konkret und für welche Angebote zur Verbesserung gesundheitlicher Probleme in der Gesamtgesellschaft fühlen wir Physiotherapeutinnen und –therapeuten uns heute – aber auch in Zukunft - eigentlich angesprochen und mitverantwortlich? Auf diese Fragen gibt es heute keine eindeutigen bzw. zufriedenstellenden Antworten seitens unseres Berufsstandes. Daraus resultiert die Frage danach, welche Interessen wir als Berufsgruppe verfolgen und mit welcher (gemeinsamen) politischen Stimme wir dabei sprechen? Das hat Gründe. Die Spezialisierung und Differenzierung unseres Wissens hat in der Physiotherapie dazu geführt, dass der gemeinsame Nenner unseres professionellen Selbstverständnisses sehr klein geworden ist. Unsere berufliche Identität erfolgt mittels einer Selbstdefinition, die sich zurzeit eher an Behandlungstechniken und Fachdisziplinen orientiert. Problematisch ist dabei allerdings, dass wir dadurch unsere (politische) Kraft als Mit-Akteurinnen und Mit-Akteure im deutschen Gesundheitssystem verlieren.

 

Gemeinsam unsere Zukunft (mit)gestalten ...

Wie reagiert die Physiotherapie in Deutschland, wie reagieren wir alle als Physiotherapeutinnen und -therapeuten nun auf den äußeren (sozialen und gesundheitspolitischen) und inneren (berufgruppeninternen) Druck zur Anpassung? Für uns alle wahrnehmbar sind der aktuelle Strukturwandel und damit die veränderten Rahmenbedingungen unserer Arbeit und unserer Rolle als Leistungserbringer innerhalb des deutschen Gesundheitswesens. Wollen wir diesen Wandel als Chance begreifen und aktiv mitgestalten, dann sind wir jetzt zum Handeln aufgefordert. Oder? Worauf warten wir? Der Kontext unserer Arbeit verändert sich – mit und ohne unsere Aktivität. Die Frage ist, in welche Richtung diese Veränderung geht und welche Möglichkeiten wir nutzen wollen, diese Veränderungen bewusst mitzugestalten.

Dies ist der Hintergrund, der zur Zukunftskonferenz führte. Leitfragen unserer Arbeit waren, Fragen nach unserem Selbstverständnis und nach Möglichkeiten einer Aktivierung der Physiotherapeutinnen und -therapeuten, mit dem Ziel unserer Zukunftssicherung und einem zu benennenden Beitrag der Physiotherapie an einer qualitativ hochwertigen und sozial verträglichen Gesundheitsversorgung von morgen.



Was in Hamburg konkret passierte ...

Auf der dreitägigen Zukunftskonferenz in Hamburg haben wir Teilnehmerinnen und Teilnehmer uns mit Verunsicherungen und beruflichen Sorgen auseinandergesetzt. Probleme wurden erörtert und Zukunftsvisionen entwickelt. Auf der Zukunftskonferenz haben wir den dringenden Handlungsbedarf erkannt und uns auf notwendige erste Schritte einer Auseinandersetzung mit veränderten Rahmenbedingungen geeinigt.

 

Wir haben uns zusammengeschlossen, um uns in kollektiver Handlungsfähigkeit und Handlungswirksamkeit zu stärken und gemeinsam den Wandel mitzugestalten.

Mit der Definition von Nah- und Fernzielen wollen wir nun gemeinsam zur Entwicklung einer zukunftsfähigen Physiotherapie in Deutschland beitragen. Somit versteht sich die Gruppe, die auch der Zukunftskonferenz hervorging, als eine soziale Bewegung innerhalb unserer Berufsgruppe, die es den einzelnen Kolleginnen und Kollegen ermöglicht, aus der (resignativen) Isolation in die gemeinsame produktive Aktion zu kommen.

 

Was wir sind und was wir nicht sind ...

Wir sind kein neuer Berufsverband! Vielmehr bündelt diese Initiative (ZiPT), die aus der Zukunftskonferenz hervorgeht, die Energie und Ideen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, den Wandel aktiv zu gestalten. Hauptprinzipien der Zusammenarbeit, auf die wir uns in Hamburg verständigten, sind die der Freiwilligkeit, der Selbstorganisation und der Verantwortungsübernahme. Die Gefühle von Ohnmacht jeder/jedes Einzelnen haben nun die Möglichkeit, in kreative Energie umgewandelt zu werden, wofür die Arbeitsergebnisse in Hamburg stehen.

 

Wer bei dieser Initiative mitmachen will ...

ZiPT besteht zurzeit aus fünf Arbeitsgemeinschaften und dem Zukunftsrat. Die Arbeitskreise sind offen für Interessierte, die sich von den Ideen und der Arbeitsweise dieser Initiative angesprochen fühlen. Die Arbeitsweise beruht konkret auf Selbstverpflichtung, dem ehrenamtlichen Engagement aller Beteiligten, der Selbstorganisation unserer Arbeit und der Bereitschaft eines jeden/einer jeder, einen Teil an Verantwortung für die Zukunft unseres Berufes zu übernehmen.

Die Initiative lebt durch die Arbeit in den themenspezifisch organisierten Arbeitsgemeinschaften, welche die tragenden Säulen der Weiterentwicklung dieser Initiative sind.
Interessierte können sich an die jeweiligen Leiterinnen und Leiter der AGs wenden.

 

Der Zukunftsrat in ZiPT ...

Aus der Gruppe der an der Zukunftskonferenz teilnehmenden Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten heraus wurde in Hamburg ein fünfköpfiger Zukunftsrat gewählt. Er vertritt die Ergebnisse und Interessen der Initiative öffentlich und strebt die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppierungen innerhalb der Physiotherapie an. Der Zukunftsrat koordiniert und bündelt die Ergebnisse der Arbeitsgruppen und stellt sie den Aktiven in der Initiative per Internet zur Verfügung. Der Zukunftsrat gibt außerdem die Ergebnisse an die interessierte Fachöffentlichkeit weiter und sucht den Austausch mit den für unseren Beruf relevanten Interessenverbänden.

 

Mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Zukunftskonferenz abgestimmte und vom Zukunftsrat überarbeitete Fassung vom 25.05.2003.

ZiPT – Zukunftsinitiative Physiotherapie

Stellungnahme nach der Zukunftskonferenz vom 28.2.- 2.3.2003 in Hamburg

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